Fairplay 140 – Editorial

EDITORIAL

Liebe Vereinsmeier,

wer kennt das nicht. In jedem Verein gibt’s welche, die querschießen. Und einige kennen wir sogar persönlich. In der Nachbarschaft, bei der Arbeit, wird es dann mitunter schwierig.

Ist da ausweichen möglich? Oder ignorieren? Hilft weg‐ schauen? Beim Spielen ist es einfacher. Leute, die nicht dazu passen, lade ich einfach nicht mehr ein, kommen mir nicht in meinen Stall. Manchmal gehen die auch von ganz allein.

Die Spielewelt soll schließlich allen Spaß machen. Aber was, wenn so jemand einfach an seinem Stuhl klebt, nicht mehr gehen und weiter mitspielen will. Ähm, mitspielen ging ja noch. Lieber will so einer entscheiden, was gespielt wird und selbstverständlich nur nach seinen Regeln. Wat machse dann?

Gehste dann, verlässt du dein Heim? Oder traktierst du den solange, bis er von alleine geht. Wir hier neigen ja zunächst eher zum Ignorieren. Da ist zwar einer, aber es geht mich nichts an. Aber der bleibt trotzdem oder gerade deswegen da sitzen, macht keine Anstalten freiwillig zu gehen. Gutes Zureden? Hilft vielleicht, aber wenn nicht? Da stehste dann im kurzen Hemd und schaffst so einen Menschen einfach aus der Tür raus. Und wenn der sich wehrt und anfängt, auf dich einzuschlagen? Und die Polizei? Kommt zu spät…

Auf dem Spieltisch gibt’s feste Regeln, auf die wir uns verlassen können.

Ich schweige jetzt still und spiele lieber. Ihr Harry

Wenn du das machst, passiert das und das. Wir reagieren auf die anderen, die anderen auf uns. Alles fair und genau so vorgesehen. Manchmal beiße ich in die Tischkante und dann wer anders. Es gibt feste Regeln, an die zu halten wir uns verpflichten. Sonst wär’s ja auch kein Spiel mehr, sondern blutiger Ernst. Im Spiel ist das Leben einfach, klar und vor allem geregelt. Darauf können wir uns verlassen. Aber im realen Leben?

Ich kann mir gut vorstellen, wie es den Menschen in der Ukraine ergeht. Tatsächlich eher nicht, denn wir leben hier gut und sicher, genießen unsere Freiheiten, sind gut versorgt, führen ein Leben ohne Angst. Und genau das belas‐ tet mich.

Trotzdem spiele ich zurzeit besonders gerne. Spielen ist Ablenkung und Herausforderung gleichermaßen. Wir spielen tatsächlich auch mehr als sonst. Ich kann alles andere vergessen, wenn ich in gewohnter Runde spiele. Alles so schön friedlich. Im Grunde sind wir schon sehr privilegiert, so sicher leben zu dürfen. Was mich aber auch bewegt, ist diese unmittelbare Bedrohung, einer Macht ausgeliefert zu sein, die sich unserem Einfluss entzieht. Einem Nachbarn, der sich einfach nicht an die Spielregeln hält, uns dreist ins Gesicht lügt und sich keinem außer dem Recht des Stärkeren unterordnen will. Wohin wird die Reise gehen? Und warum fühlte ich mich vom Krieg in Syrien, Georgien oder Tschetschenien so wenig betroffen?

Ich schweige jetzt still und spiele lieber.

Ihr Harry

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