Fairplay 138 – Rezension: Alice is missing

Jüngst wurde ALICE IS MISSING beim As d’Or 2023 in der Kategorie „INITIÉ“ nominiert. Würde es gewinnen, wäre das eine kleine Sensation. Die Grenzen zwischen Rollen- und Brettspiel würden dann sicher durchlässiger und wir könnten uns auf weitere, interessante Titel freuen.

Das stille Rollenspiel – Ein Chatverlauf am Tag danach

Spieleschachtel der französischen Ausgabe.

Alice ist verschwunden. Wir haben unsere 16-jährige Freundin zuletzt vor drei Tagen gesehen und begeben uns gemeinsam auf die Suche.

ALICE IS MISSING ist etwas Besonderes. Nicht nur, dass wir gemeinsam erforschen und erzählen, was mit unserer Freundin Alice passiert ist. Nein. In der Hauptphase des Erzähl-Spiels dürfen wir nicht reden.

Wir chatten. Ausschließlich.

Was zunächst verrückt klingt funktioniert ausgesprochen gut, denn die gemeinsam erzählte Story wird alle 10 Minuten durch Karten-Promts gesteuert und treibt so unausweichlich auf das Ende hin. Wir werden Alice finden. So oder so.

Doch vor der eigentlichen Erzählphase erschaffen wir mit Hilfe von Karten unseren In-Game Charakter inklusive einer Motivation, warum wir Alice suchen und in welcher Beziehung wir zu ihr stehen.

Nach 60-70 Minuten Vorbereitung legen wie den Soundtrack auf und zücken die Smartphones. Die nächsten 90 Minuten tippen und lesen wir.

Zu unserer Spielerfahrung hier der Chatverlauf meiner Spielegruppe am darauffolgenden Tag:

Der Tag danach

Sandra:
Habt ihr gut geschlafen?

Marcus:
Ehrlich gesagt wie ein Stein.
Und ihr beide?

Benjamin:
Ich bin schlecht eingeschlafen.
Und heute morgen noch vor dem Wecker wieder aufgewacht.
Offen gesagt, hatte ich auch richtig Schiss um Alice.

Sandra: Da warst du nicht allein.

Benjamin: Krass, welche Emotionen ein Rollenspiel auslösen kann, das nur über WhatsApp läuft.
Habt ihr eine Idee, warum das Spiel sooo intensiv ist?

Sandra: Ich glaube, die Musik macht viel und das hektische Chatten.
Das Nicht-reden – man entwickelt, glaube ich, mehr Energie.

Benjamin: Mir ist aufgefallen, dass es fast keine Setting-Beschreibung im Spiel gab.
Kaum Meta-Gespräch, sondern alles im Spiel.
Also nachdem der 90 Minuten-Timer gestartet wurde.

Sandra: Dafür war ja nun auch wirklich keine Zeit. 🙂

Benjamin: Stimmt. Der Soundtrack macht da echt einiges.
Und diese Zeitkarten müssen echt gut aufeinander abgestimmt sein.
Ich meine, wir haben alle 10 Minuten eine zufällige Karte gezogen und trotzdem funktionierte die Story super.
Wird das Ende nur von den Zeitkarten gesteuert?

Sandra: Genau. Es gibt alle Karten dreifach, auch die letzte Karte, die dann das Ende steuert.
Und es sind extrem unterschiedliche Enden dabei.

Marcus: Was hat euch denn am meisten beeindruckt?
Also während und nach dem Spiel?

Sandra: Also ich fand es in meiner allerersten Runde auf jeden Fall krass.
Das lag glaube ich daran, dass es beim ersten Mal ein besonderes Erlebnis ist.
Und an dem doch sehr anderen Ausgang als die anderen.
Der hat es für diese Runde sehr intensiv gemacht.

Benjamin: Ich war von mir selber so überrascht, so in die Rolle einzutauchen.
Ich hab mich zwischendurch ganz schön teeniemäßig gefühlt.
Vor allem die Sorge um unsere Alice hat mich weggehauen.

Und bei euch so?

Sandra: Ja, ging mir genauso. War völlig eingetaucht ins Spiel.
Überrascht hat mich, wie lange das nach dem Spiel noch nachwirkte.
Sprich, wie sehr das ins Unterbewusstsein eingedrungen ist.

Marcus: Ich war ehrlich gesagt sehr erleichtert, dass Alice nichts Schlimmeres passiert ist.
Das wäre mir sehr wahrscheinlich nicht gut bekommen.

Marcus: Kann gut sein, dass ich die Geschichte dadurch mehr oder weniger beeinflusst habe, weil ich nicht wollte, dass es richtig fies wird.

Sandra: Den Ausgang hatten wir ja nicht selbst in der Hand.
Und mir war es auf jeden Fall auch „aufregend“ genug.

Benjamin: Findet ihr, dass ALICE IS MISSING anfängertauglich wäre?

Sandra: Ich hatte in einer anderen Gruppe einen Neuling.
Er meinte, dass es einigermaßen anfängerfreundlich sei.
Er hätte nur am Anfang Probleme gehabt, in den Chat reinzukommen.
Also in den Schreibfluss.

Marcus: Ich glaube, wenn man über die ersten 1-2 Karten hinweg ist, ergibt sich das schon alles.
Ging es bei den anderen Partien schneller zur Sache?

Sandra: Nein, das war ähnlich vom Tempo her.

Benjamin: Vor Spielbeginn sollten wir ja allein eine Sprachnachricht aufnehmen.
Nach dem Ende wurden die Nachrichten dann ja abgespielt.
Aber ich denke gerade, ALICE würde auch ohne Sprachnachricht genauso gut funktionieren, oder?

Marcus: Ich finde, dass es das Spiel gut zu Ende bringt. So ein Revue-Passieren-Lassen.
Mir hat das sehr gut gefallen. Ist natürlich dramatischer, wenn es ein schlimmeres Ende nimmt.

Sandra: Das hängt tatsächlich etwas vom Verlauf und dem Ende ab.
Aber ich fand es in meinen Runden ein sehr nachklingendes Ende.
Ich glaube, so ein besinnlicher Abschluss tut dem Spiel nach 90 Minuten Hektik gut.

Benjamin: Stimmt schon. Zur Atmosphäre am Schluss tragen die Nachrichten auf jeden Fall bei.
Und tatsächlich passten sie gut in unsere Story. Das fand ich verblüffend.

Marcus: Mir hat ALICE ausgesprochen gut gefallen.
Will ich unbedingt noch einmal spielen.

Benjamin: Geht mir genauso.

Sandra: Lasst euch aber ein bisschen Zeit dazwischen.
Bei mir sind da schon immer Gedanken der vorherigen Runde dazwischen gerutscht, weil der Abstand sehr kurz war.
Aber nochmal spielen geht ganz sicher.

Alice is missing online spielen

Um „Alice is missing“ online zu spielen, sind neben dem reinen Spiel noch zwei Online-Plattformen notwendig. Was auch bedeutet, dass alle MitspieleNden auf beiden Plattformen einen Account benötigen. Die erste ist Discord, über welches die Chatnachrichten ausgetauscht werden. Die zweite ist Roll20. Hier werden die kartengesteuerten Aktionen des Spiels ablaufen. Der Discord-Server ist kostenlos und lässt sich mit einem bestehenden Discord-Account problemlos installieren.

Alle notwendigen Chaträume und sonstigen Kanäle sind bereits vorprogrammiert. Lediglich die Zuordnung der Spieler zu den verschiedenen Charak- teren muss noch ergänzt werden. Für die Roll20-Implementierung fallen noch einmal Kosten in ungefährer Höhe der pdf-Version des Spieles an. Gewisse Roll20-Kenntnisse sind hier von Vorteil, auch wenn die drei verlinkten YouTube-Videos ausführliche Anleitungen zur Vorbereitung und zum Ablauf des Spiels liefern.
Bleiben die Sprachnachrichten und der Soundtrack-Timer.

Als letzte technische Aufgabe gilt es nur noch, die Sprachnachrichten auf Discord oder aber in Roll20 abzuspeichern. Den Timer können entweder alle Mit- spielenden für sich via Youtube abspielen oder die Musik wird über den Discord-Kanal für alle abgespielt und diejenige Person, die das Spiel koordi- niert, gibt im Textchat die wichtigen Zeiten durch. Letzteres hat in unseren Gruppen wunderbar funktioniert.

Benjamin Bestier

Spenser Starke: ALICE IS MISSING für 3 – 5 Personen mit Illustration von Julianne Griepp bei Renegade Game Studios und Hunters Entertainment 2020, Spieldauer 120 – 180 Minuten, auf Englisch und Französisch, digitale Edition

Inhalt der Box: 1 Regelheft, 72 Karten

Link zur Kickstarter-Seite für weitere Infos zum Spiel.
Link zum As d’Or – Jeu de l’Année.
Link zum Verlag, wo auch die Online-Version gefunden werden kann.

Dieser Text erschien in der 138. Ausgabe des Fairplay Magazins. Unterstützen Sie unsere Arbeit: Abonnieren Sie das gedruckte Magazin oder bestellen Sie das einzelne Heft.