Fairplay 132 – Rezension: Andor Junior

Spannende Abenteuer in einer kinderfreundlichen Fantasiewelt

Andor Junior Cover

Seit vielen Jahren ist es Tradition, erfolgreichen Erwachsenenspielen eine kindertaugliche Version hinterherzuschicken. Am Anfang dieses Trends war ich skeptisch. Ist das nicht reines Marketing? Alter Wein in neuen Schläuchen, spielerisch uninteressant und deshalb nur Geldmacherei? Aber als dann mein Nachwuchs mit mir gemeinsam DIE KINDER VON CATAN und ZUG UM ZUG – MEINE ERSTE REISE entdeckte, musste ich zugeben, dass die ‚kleinen Ausgaben‘ ihren Reiz und ihre Berechtigung haben. Zumal wenn sie, wie im Fall von ZUG UM ZUG geschehen, ein Türöffner für das ‚große‘ Spiel sind.

Bei solchen Erfolgen war es auch nur eine Frage der Zeit, bis der Schlager DIE LEGENDEN VON ANDOR auch eine Junior-Ausgabe bekommt. Als leidenschaftliche Spielerin des Kennerspiels von 2013, finde ich mich beim Öffnen der Schachtel sofort in der Welt wieder, die Michael Menzel damals für uns erschaffen hat. Auch wenn er diesmal nur Illustrator ist. Die Autoren von ANDOR JUNIOR sind Inka und Markus Brand.

Beim Spielen merke ich, dass sich gar nicht so viel verändert hat. Aber der Reihe nach, besonders für diejenigen, die in Andor neu sind. In ANDOR JUNIOR spielen wir kooperativ mit zwei bis vier Heldenfiguren in einer Fantasie-Abenteuerwelt. In jeder Partie ist es unser Ziel, drei Wolfsjunge aus der Zwergenmine zu befreien, in der sie sich nach dem letzten Unwetter verirrt haben. Doch die Mine wird von einem grimmigen Brückenwächter bewacht, der uns vorher noch Aufgaben stellt, die wir gemeinsam bei einem Streifzug durch das Land erfüllen müssen. In der ersten Partie müssen wir zwei Wolfskrautplättchen der gleichen Art besitzen. Diese Plättchen liegen auf den Feldern des Spielplans verteilt. Außerdem müssen wir den Falken von der Brücke holen und in die Rietburg bringen, doch der Weg ist weit.

Dabei muss der Held, der den Falken trägt, zusätzlich beachten, dass er kein Feld mit einem Nebelplättchen, einer Höhle oder einem Gor betritt. Erst wenn wir beide Aufgaben erfüllt haben, lässt uns der Brückenwärter passieren. Dann dürfen wir in der Zwergenmine nach den Wolfsjungen suchen. Diese verstecken sich unter den Fackelplättchen, von denen eines auf jedem Feld liegt. Doch Vorsicht, es gibt auch Plättchen, die nichts Gutes verheißen. Suchen dürfen wir aber auch hier nicht einfach so. Jeder Held muss mit seinen Würfeln erst mal mindestens ein Fackelsymbol erwürfeln, bevor er ein Plättchen umdrehen darf.

Die Helden sind unverwundbar und unsterblich. Sogar die lästige Gegenwehr der Gors entfällt.

Auf unserem Weg durch Andor lauern noch weitere Gefahren. Ein gemeiner Drache versucht unsere Abwesenheit in der Rietburg auszunutzen und dort einzudringen. Gors verstecken sich in den Wäldern und Höhlen, um ebenfalls in die Burg einzudringen. Die Gors können und müssen wir bekämpfen. Dazu kommen auch die Würfel der Helden zum Einsatz. Der Zwerg und die Bogenschützin haben je drei Würfel, der Krieger hat vier. Im Kampf gegen die Gors muss ein Held zwei bis drei Schwertsymbole würfeln, um sie zu verjagen. Die Magierin hat nur einen Würfel, doch ihr reicht der Wurf eines Blitzsymbols, um das Monster zu besiegen.

Sonnensteine helfen uns, unsere Züge zu planen. Für jedes Feld, das wir auf dem Spielplan vorangehen sowie für jede Kampfansage an die Gors müssen wir einen Sonnenstein abgeben. Die drei Brunnen auf dem Spielplan bringen einem drei abgegebene Sonnensteine wieder zurück. Nach ihrer Nutzung sind die Brunnen allerdings bis zur nächsten Runde deaktiviert. Hat ein Held keine Sonnensteine mehr, ist der Tag für ihn zu Ende. Haben alle Helden keine Sonnensteine mehr, ist die Runde vorbei. In der Nacht werden die Brunnen reaktiviert, und wir kriegen unsere Kampfwürfel zurück. Aber auch der Drache zieht leider weiter Richtung Burg. Bis zu drei Felder weit, je nachdem, was der rote Drachenwürfel anzeigt. Auch die Gors wandern weiter in Richtung Burg, und neue Artgenossen kommen hinzu.

Schaffen wir es, alle Aufgaben des Brückenwärters zu erfüllen, und außerdem möglichst viele Gors zu besiegen und die Wolfsjungen in der Mine zu finden, gewinnen wir alle gemeinsam ANDOR JUNIOR. Erreicht der Drache die Rietburg, haben wir die Partie verloren.

Nun werden Kenner des ‚großen‘ ANDOR fragen: Was ist denn nun anders? Zum einen fehlt der Erzähler, der uns erwachsenen Helden im Spiel ziemlichen Zeitdruck macht. Haben wir nach einer bestimmten Rundenanzahl das Ziel nicht erreicht, haben wir verloren. Das fällt bei ANDOR JUNIOR komplett weg, wir können im Grunde beliebig viele Runden spielen. Es sei denn, der Drache macht uns einen Strich durch die Rechnung. Ein weiterer kindgerechter Vorteil: Die Helden sind unverwundbar und unsterblich. Sie sind im Kampf immer gleich stark und auch die im großen Spiel lästige Gegenwehr der Gors entfällt. Die Kämpfe sind viel leichter zu gewinnen, da die Würfel Symbole statt Zahlen zeigen. So entfallen zumindest in meiner Spielerunde die Grübelorgien der Nerds, die ansonsten jeden Zug gemäß den Wahrscheinlichkeitsgrundsätzen durchkalkulieren und planen.

Aber wir sind ja hier bei ANDOR JUNIOR. Und das verschafft Kindern bzw. Familien einen hervorragenden Einstieg in diese fantastische Abenteuerwelt. Die klare Symbolik und die Spielgeschichte machen es auch für jüngere, aber sehr spielerfahrene Kinder möglich mitzumachen, auch wenn sie noch nicht lesen können. Schon Fünfjährige haben einen Riesenspaß, wenn sie einen Gor in die Flucht schlagen konnten. Allerdings verlieren sie aufgrund der für sie recht langen Spieldauer von bis zu 45 Minuten schnell die Geduld. Daher ist die Altersangabe von sieben Jahren meiner Meinung nach genau richtig. Doch ganz ohne die Hilfe von Erwachsenen, finden sich auch ältere Kinder nicht sofort alleine in der Welt von ANDOR JUNIOR zurecht. Daher ist es eher ein Familien-, denn ein Kinderspiel. Zumal es auch für Erwachsene eine angenehm schwere Herausforderung bietet. Doch mit ein wenig Spielerfahrung können auch reine Kinderrunden gestartet werden. Wahrscheinlich ist es deshalb nicht auf der Liste für den blauen Pöppel gelandet. Und für den roten Pöppel ist es dem Vorgänger zu ähnlich. Das macht aber gar nichts. ANDOR JUNIOR ist eine sehr gelungene Variante, die auch noch über einige Zeit tragen wird und muss. Denn im Vergleich zu anderen Junior-Spielen ist der Zugang zum Erwachsenenspiel hier in etwas weiterer Ferne. Bis dahin erleben wir aber als Familie sehr spannende und unterhaltsame Abenteuer in Andor. Und wenn für die kleineren Helden das Ende des echten Tages gekommen ist, beginnen die langen Abende von uns größeren Helden im vertrauten Spiel DIE LEGENDEN VON ANDOR.

Sabine Wiele

Inka Brand und Markus Brand: ANDOR JUNIOR für 2 – 4 Personen mit Illustration von Michael Menzel bei KOSMOS 2020, Spieldauer 30 – 45 Minuten


Dieser Text erschien in der 132. Ausgabe des Fairplay Magazins. Unterstützen Sie unsere Arbeit und abonnieren Sie das gedruckte Magazin für nur 24 Euro im Jahr.

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