Fairplay 37 – Rezension: Mus

Leicht macht es MUS Neueinsteigern nun wirklich nicht. Dies liegt in erster Linie an der merkwürdigen Gestaltung des Kartensatzes, der auf den ersten Blick doch recht übersichtlich aussieht. Je vier Serien mit den Zahlenwerten 1 bis 7 sowie jeweils einem Buben, Reiter und König sind nun wirklich nicht ungewöhnlich. Die optischen Klippen tauchen jedoch nach dem ersten Blick in die Regel auf. Die 1 zählt als As, dies scheint noch ganz normal. Die 2 zählt aber auch als As und die 3 gilt im Spiel als König. Diese Wertigkeiten sind in den ersten Partien schon irritierend. Und noch übersichtlicher wird die Situation durch die Zahlenwerte auf den Karten. Die Werte 11 und 12 auf den Reitern und Königen sollte ein Spieler schnell vergessen, den diese Karten haben den Punktwert 10, der nur auf den Buben korrekt notiert ist. Den Zahlenwert 2 auf den gleichnamigen Karten sollte ein Spieler in Gedanken durch den Wert 1 ersetzen, denn diese Karten sind ja nun Asse. Und die Dreier sind natürlich nicht die dort notierten 3 Punkte wert, und auch nicht 12, sondern natürlich 10 Punkte. Es ist ganz einfach und übersichtlich.

Wenn ein Verlag ein derart unübersichtlich gestaltetes Spiel als Neuentwicklung präsentieren würde, wäre dies für uns ein Fest. Ungespitzt würden wir das verhunzte Blatt in den Boden rammen. Aber bei MUS sieht die Sache ein wenig anders aus. Denn MUS ist keineswegs neu, sondern ein traditionelles Kartenspiel aus dem Baskenland. AH die Merkwürdigkeiten des Blattes besitzen tiefe Wurzeln in der baskischen Spieltradition. Und über dieses, in vielen Spielgenerationen gewachsene, Blatt kann man dann nicht mehr diskutieren. MUS ist MUS. Und der deutsche Spieleinsteiger muß sich da einfach durchbeißen.

Auch in Deutschland besitzt MUS einige kleine, feine Wurzeln. 1979 lernte Stephan Ocker das Spiel in Spanien kennen. Mit einer handgeschriebenen Regel kehrte er nach Deutschland zurück. In den Räumen des heimischen Jugendtreffs in Überlingen startete er seine MUS-Überzeugungsarbeit. Zehn Jahre später verlegte er als Regelgrundlage „Das kleine MUS – Buch“. Die Deutsche MUS Vereinigung e.V. führt seit einigen Jahren unter seiner Leitung Turniere und deutsche Meisterschaften durch.

Aber das große Problem der MUS – Freunde bestand darin, daß es in Deutschland kein anständiges Blatt für ihr Lieblingsspiel zu kaufen gab. 1991 sah die Situation eigentlich schon einmal recht positiv aus, denn der Ableger des spanischen Kartenherstellers Fournier kündigte eine deutsche Ausgabe des Klassikers an (siehe FAIRPLAY Nr. 15). Zu mehr als einer Ankündigung langte es aber damals doch nicht. Aber nun soll es endlich was werden. Der ’96 Auflage von King Cards liegt übrigens eine überarbeitete Version des kleinen MUS – Buches als Regelgrundlage bei. MUS ist ein Partnerspiel für vier Spieler. Die Partner sitzen sich immer gegenüber. Der Geber verteilt an jeden Spieler vier Karten. Sein rechter Nachbar ist der Startspieler dieser Runde. Wenn dieser Spieler Karten austauschen möchte, kündigt er laut „Mus“ an. Wenn die drei anderen Spieler ebenfalls „Mus“ anmelden, tauscht der Geber – je nach Wunsch – ein bis vier Karten aus. Diese Phase der Kartenhandoptimierung kann durchaus mehrere Runden umfassen. Wenn ein Spieler bei der regelmäßigen Abfrage vor einem Kartentausch jedoch „Kein Mus“ ankündigt, endet die Tauschphase sofort.

Mit ihren Karten müssen die Spieler nun vier Wetten möglichst erfolgreich bestreiten. Zuerst geht es um „La Grande“, die große Wette. Hier geht es um möglichst hohe Kartenwerte. Das beste Kartenbild besteht also aus vier Königen. Ob ein Spieler mit so einem „Omablatt“ aber Punkte kassieren kann, hängt ausschließlich von der Kartenqualität des konkurrierenden Teams ab. Denn wenn kein Spieler das Wettangebot annimmt, geht es nur um einen schlichten Punkt. Um richtig viele Punkte geht es nur, wenn Spieler aus beiden Teams ein gutes Blatt besitzen und den Wetteinsatz gegenseitig hochsteigern.

Gewettet wird reihum. Ein Spieler kann passen, warten, einen ersten Wetteinsatz anbieten, ein gegnerisches Angebot annehmen oder erhöhen. Abgerechnet wird eine Wette erst nach Beendigung des Spiels. Nur wenn ein Spieler bei der Ersteigerung des Wetteinsatzes „kalte Füße“ bekommt und aussteigt, ist der vereinbarte Wettbetrag sofort fällig. Gezahlt wird immer aus der neutralen Gemeinschaftskasse.

Nach „La Grande“ gibt es noch drei weitere Wettmöglichkeiten. Bei „La Chica“, die kleine Wette, geht es um das niedrigste Blatt, die Asse ersetzen hier also die Könige. Bei der „Pares“-Wette zählen nur Kartenpaare und bei der abschließenden „Juego“-Wette entscheidet der Punktwert der Kartenhand über den Wettgewinner.

Erst nach der letzten Wette werden die Kartenhände aufgedeckt und die offenen Wetten abgerechnet. Die beiden Spielpartner verwalten ihren Punktbesitz gemeinsam. Je nach Vereinbarung braucht ein Team 30 oder 40 Punkte zum Gewinn eines Satzes. Zum Spielgewinn benötigt eine Partnerschaft drei (oder vier) Gewinnsätze.

Schon mit diesen Grundregeln macht MUS richtig Spaß. MUS ist ein ausgesprochen ausgewogenes, unterhaltendes Kartenspiel. Aber es wird schon nach wenigen Partien deutlich, daß die Kommunikation mit dem Spielpartner fehlt. Es macht halt keinen Sinn, wenn z.B. beide Partner gleichzeitig Könige sammeln. Glücklicherweise gibt es für diese Fälle die offiziellen MUS-Zeichen. Einige Beispiele: Ein kurzer Biß mit den Zähnen auf die Mitte der Unterlippe bedeutet: „Ich habe zwei Könige.“ Ein kurzer Biß auf die rechte oder linke Unterlippenecke steigert das Angebot auf drei Könige. Ein kurzes Zucken der Backe verrät den Besitzer eines Drillings, usw.

In einer Anfängerrunde sorgen diese Zeichen erst einmal für einen hohen Unterhaltungswert. Nach dem Motto „Ein Auge auf das Blatt, ein Auge auf den Mitspieler und je ein Auge auf die Konkurrenten“ ist eine intensive, hektische Belebung und Überwachung des Informationsflusses angesagt. Und dann zucken die Backen, wackeln die Augenbrauen und die Unterlippen werden ordentlich durchgeknetet. Und wenn dann mal wieder ein offensichtliches Gesichtszucken gleich von der kompletten Runde aufgeschnappt wird, greifen alle hektisch zum Regelheft, um die Information zu entschlüsseln und anschließend zu kommentieren. In den ersten Runden steht der Spaß an der ungewohnten Kommunikation eindeutig im Vordergrund.

Ein schlechtes Spiel würde hier schnell zum „Grimassenschneiden mit Spielkarten“ abrutschen. Bei MUS besteht diese Gefahr nicht. Nach einigen „Lachnummern“ werden die Zeichen (und die Überwachung) dezenter. Denn MUS ist ein exzellentes Kartenspiel.

Herbert Heller

Dieser Text erschien in der 37. Ausgabe des Fairplay Magazins. Unterstützen Sie unsere Arbeit und abonnieren Sie das gedruckte Magazin für nur 24 Euro im Jahr.

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