Fairplay 121 – Rezension: Les Poilus

Das sollte sich jeder vor Augen halten: Wir haben in Deutschland die längste Friedensperiode aller Zeiten. Am 08.05.2020 sind es 75 Jahre.

Die ansonsten längste Friedenszeit dauerte von 1555 bis 1618. Der Augsburger Religionsfriede mündete im desaströsen Dreißigjährigen Krieg.

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs hätte bestimmt niemand wieder so schnell einen neuen Weltkrieg erwartet. Zu groß die Schrecken des Ersten Weltkriegs, zu groß die Anzahl der Toten. Überall, nicht nur im unmenschlichen Stellungskrieg der Westfront. Und dennoch: In Deutschland regte sich trotz aller Schrecken ein viel größerer. Keiner wollte nach 21 Jahren wieder Krieg, doch es gab da diesen einen, der uns Deutschen ein Trauma für die nächsten 1000 Jahre zugefügt hat.

Die Traumata des Ersten Weltkriegs thematisiert LES POILUS selten eindringlich. Die Machtlosigkeit, das Ausgeliefertsein, aber auch die Freundschaft, nur zusammen den Krieg zu überstehen. Egal auf welcher Seite, ob deutsch oder französisch, es ist ein anspruchsvolles Spiel, mit heiler Haut den Ersten Weltkrieg zu überstehen.

Wolfgang Friebe

Les Poilus: Cover

Les Poilus

Von Ignaz Wrobel zu Tignous

Hundert Jahre sind seit dem Ersten Weltkrieg vergangen. Seine Ursachen und Auswirkungen sind breit erforscht, diskutiert und bekannt. Spielerisch beschäftige ich mich nur selten mit dem Thema Krieg. Zu deprimierend ist die Vorstellung des Massenschlachtens, um als seichte, unterhaltsame Feierabendbeschäftigung dienen zu können. LES POILUS ist anders. Nicht Konfrontation, Schlachtstrategien, Flug- oder Flottenmanöver stehen im Mittelpunkt, sondern das pure Überleben Einzelner gegen die sinnlose Kriegsmechanik. So gibt es auch nur ein kooperatives Ziel: Überleben bis zur Einkehr des Friedens.

Als kleine Gruppe Soldaten müssen die Spieler immer wieder aus dem Schützengraben ausziehen und irgendwie den Einsatz überstehen. Flucht, Aussitzen oder in Ecken verkriechen ist keine Option, das verhindert im Spiel der Kartenstapel. Im Krieg waren es die Generäle, die glaubten, mit althergebrachten Mitteln der Konfrontation mit Menschenmassen gegen Maschinengewehre und Granaten ankommen zu können.

Das Spiel verläuft einfach und geradlinig. Ziel ist es, einen Bewährungsstapel durchzuspielen, ohne zu viele schwere Schläge einzustecken und ohne die Moral zu verlieren. Der Kartenstapel wird aufgeteilt und bildet die Bewährungen und die Moral. Bewährungen werden jede Runde an die Spieler verteilt. Gelingt es der Gruppe nicht, diese schnell genug abzuspielen, kommen mehr Karten vom Moral- auf den Bewährungsstapel, was den Frieden in weitere Ferne rückt.

Les Poilus - Spielkarten 1

Doch der Reihe nach: Jeder Spieler repräsentiert einen gewöhnlichen Soldaten. Ein Spieler entscheidet, wie viele Bewährungskarten jeder bekommt. Dann spielt jeder reihum Karten aus und zieht sich irgendwann zurück, indem er passt. Die ausgespielten Karten bleiben erstmal offen liegen und stellen Bedrohungen dar. Typischerweise zeigt eine Karte zwei bis sechs Bedrohungen. Die dritte Bedrohung einer Art lässt den Einsatz scheitern und zwingt alle zum Rückzug, was ziemlich fatal ist. Neben gewöhnlichen Bedrohungen gibt es noch schwere Schläge, die dauerhaft vor dem Spieler liegenbleiben, der sie ausspielt. Schwere Schläge zeigen manchmal Bedrohungen. Einige haben auch andere negative Auswirkungen. Wenn ein Spieler am Ende des Einsatzes vier schwere Schläge vor sich ausliegen hat, ist das Spiel verloren.

Vor dem nächsten Einsatz kommen alle ausliegenden Bedrohungen, nicht aber die schweren Schläge, aus dem Spiel. Der Startspieler wechselt und entscheidet, wie viele Karten jeder hinzubekommt.

„LES POILUS ist ein düsteres, frustrierendes und nervenzerreißendes Spiel.“

Neunmalkluge Feiglinge könnten nun die Idee haben, einfach gar keine oder nur wenige Karten auszuspielen und sich sofort zurückzuziehen. Es gibt auch keine Pflicht, schwere Schläge auszulegen. Das böse Erwachen kommt aber vor dem nächsten Einsatz. Für jede verbleibende Handkarte kommt nämlich eine weitere Karte vom Moral- auf den Bewährungsstapel. Ist der Moralstapel aufgebraucht, endet das Spiel wiederum mit einer Niederlage.

Zehnmalkluge Faulenzer könnten nun die Idee haben, einfach immer nur eine Karte an jeden zu verteilen. Dann ist es für die Spieler einfach, alle Karten zu spielen. Leider hat auch diese Strategie einen kleinen Haken, denn vor jedem Einsatz kommen mindestens drei Karten vom Moralstapel zu den Bewährungen. Ohne Risiko tritt das Spiel also auf der Stelle und endet ziemlich bald im Moralfiasko.

Les Poilus - Spielkarten 2

Gelingt es aber, alle Bewährungskarten zu verteilen und auch noch alle Karten auszuspielen, kommt es zum Frieden. Bis dahin braucht es aber einige Partien, eine Menge Glück und viel Hilfsbereitschaft. Die Spieler können sich nämlich gegenseitig unterstützen. Nach einem Einsatz können die Spieler sich gegenseitig Rückhalt zusichern und mit etwas Glück oder Geschick einen auswählen, der schwere Schläge ablegen darf. Auch hat jeder einen Glücksbringer, mit dem er einmalig eine Bedrohung aus der Auslage entfernen kann. Schließlich gibt es die Möglichkeit des Aufrufs. Den bekommt immer der Startspieler am Ende eines Einsatzes. Er ermöglicht es, eine Bedrohungsart zu nennen, von der die anderen je eine Karte abwerfen dürfen. Freilich dürfen die Spieler hierzu nicht über ihre Karten sprechen. Aufruf, Glücksbringer und Rückhalt sind somit zwar wirksame Hilfen, deren geschickter Einsatz aber auch erst gelernt sein will.

LES POILUS ist ein düsteres, frustrierendes und nervenzerreißendes Spiel. Es gibt keine Teilerfolge, und vor dem ersten Friedensschluss stehen einige Partien des Scheiterns. Schlimmer als bei anderen kooperativen Spielen wirken sich Fehler einzelner auf die ganze Gruppe aus. Thema und Flair gehen bei LES POILUS vor Spielmechanik, ohne diese zu vernachlässigen. Dabei ist das Spielprinzip erfreulich geradlinig.

Unmittelbar fühlt man sich an Schilderungen aus Romanen und geschichtliche Darstellungen des Kriegsleids erinnert. Es gibt keine gute oder böse Seite, und auf der Ebene der Soldaten wird auch nicht zwischen Siegern oder Unterlegenen unterschieden. Es ist eigentlich auch egal, wo, wann oder auf welcher Seite das Leiden herrscht oder welches Ziel das Schlachten hat. Passenderweise verschweigt das Spiel solche Details auch weitgehend. Dafür lebt es von vielen anderen Details, wie z.B. dem Startspieler als Anführer, der mit guten Beispiel vorangeht und die erste Bedrohungskarte an sich selbst austeilt.

Les Poilus - Spielkarten 3

Einen wesentlichen Anteil zur Atmosphäre trägt auch die Grafik von Bernard Verlhac (Tignous) bei, der beim Anschlag auf Charlie Hebdo von Islamisten in Paris ermordet wurde. Er verzichtet auf plakative Schlachtbilder oder rührselige Szenen. Er konzentriert sich vielmehr auf trostlose Landschaften und Darstellungen typischer Charaktere, die offensichtlich vom Krieg überfordert sind

Noch stärker als in anderen kooperativen Spielen kommt bei LES POILUS ein Gemeinschaftsgefühl aus, und gelingt es einmal, dem Grauen der Front zu entkommen, kommt es schon mal zu Freudenrufen, wenn die Anspannung von den Beteiligten abfällt.

Les Poilus - Zu Befehl: Cover

Es gibt auch eine lohnenswerte Erweiterung. Sie enthält ein paar Erleichterungen wie den strategischen Rückzug und die Möglichkeit des letzten Gefechts als Möglichkeit des ehrenwerten Untergangs. Wenn die Gruppe diese Option wählt, sterben zwar alle und niemand erlebt den Frieden, aber zumindest gibt es zum Trost ein Denkmal an die Opfer.

Der Hauptteil der Erweiterung sind Einsatzkarten, die das Verteilen der Karten zu Beginn jedes Durchgangs ersetzen. Der Startspieler zieht zwei dieser Karten, entscheidet sich für eine und legt die andere wieder auf(!) den Stapel zurück. Der Einsatz gibt an, wie viele Karten jeder bekommt und ob es eine kleine Erleichterung gibt oder ein großes Übel den Einsatz erschwert. Da verständlicherweise immer die Wahl aufs kleinere Übel fällt und das größere Problem zurück auf den Stapel wandert, eskaliert die Lage Stück für Stück während des Spiels.

LES POILUS ist ein Spiel, das in jede ernsthafte Spielesammlung gehört, da es ein packendes Spielerlebnis bietet und gleichzeitig zum Nachdenken über ein komplexes Thema anregt.

Karl-Peter Nos

Dieser Text erschien in der 121. Ausgabe des Fairplay Magazins. Unterstützen Sie unsere Arbeit und abonnieren Sie das gedruckte Magazin für nur 24 Euro im Jahr.

Fabien Riffaud und Juan Rodriguez: LES POILUS für 2 bis 5 Personen mit Illustrationen von Tignous bei Sweet Games 2015,  Spieldauer 30 Minuten 

Fabien Riffaud und Juan Rodriguez: LES POILUS: ZU BEFEHL! für 1 bis 5 Personen mit Illustration von Tignous bei Sweet Games 2016,  Spieldauer 30 Minuten

LES POILUS hat 2017 den „À la Carte“-Kartenspielpreis verliehen bekommen!

Der bewachte Kriegsschauplatz oder Überlebensgemeinschaft?

Seit 1931 schwelt die Debatte über Tucholskys Zitat „Soldaten sind Mörder“. Wenig bekannt ist der Kontext seiner Entstehung. In der Weltbühne veröffentlichte Tucholsky den kurzen Text über die Feldjäger während des Ersten Weltkrieges. Der schiere Kampf ums Überleben, wie er in LES POILUS thematisiert ist, wurde flankiert von Aufpassern, die verhinderten, dass sich Soldaten von den Schlachtbänken entfernten. Neu oder einzigartig ist dies sicherlich nicht. Die bürokratische Systematik, die Tucholsky beschreibt, passt aber zum allgemeinen Ansatz der Kriegsführung auf allen Seiten. So war der Erste Weltkrieg eben auch der erste Krieg, in dem Menschenmassen in Maschinengewehrfeuer getrieben wurden, und in dem die Generäle nicht akzeptieren wollten, dass althergebrachte Strategien mit stürmender Kavallerie und Infanterie nicht nur schlechter sondern gar nicht mehr funktionierten. Das Ergebnis waren Belagerungsgräben und jahrelanges zermürbendes Ringen um wenige Meter Frontverschiebung (siehe z.B. das Buch DIE BÜCHSE DER PANDORA von Jörn Leonhard). Mit dieser Statik galt es sich zu arrangieren, eben durch Absperren der Front, damit sich niemand aus Versehen in Gefahr begibt oder noch schlimmer ihr ungerechtfertigt entkommt.

Diese absurde Tragik beschreibt Tucholsky unter Verwendung eines Pseudonyms:

(…)
„Von welchem Truppenteil sind Sie?“ fragte der Gendarm, wenn er auf einen einzelnen Soldaten stieß, der versprengt war. „Sie“, sagte er. Sonst war der Soldat „du“ und in der Menge „ihr“ – hier aber verwandelte er sich plötzlich in ein steuerzahlendes Subjekt, das der bürgerlichen Obrigkeit untertan war. Der Feldgendarm wachte darüber, daß vorn richtig gestorben wurde.
Für viele war das gar nicht nötig. Die Hammel trappelten mit der Herde mit, meist wußten sie gar keine Wege und Möglichkeiten, um nach hinten zu kommen, und was hätten sie da auch tun sollen! Sie wären ja doch geklappt worden, und dann: Untersuchungshaft, Kriegsgericht, Zuchthaus oder, das schlimmste von allem: Strafkompagnie. (…) Manche Nationen jagten ihre Zwangsabonnenten auch mit den Maschinengewehren in die Maschinengewehre.
So kämpften sie.
Da gab es vier Jahre lang ganze Quadratmeilen Landes, auf denen war der Mord obligatorisch, während er eine halbe Stunde davon entfernt ebenso streng verboten war. Sagte ich: Mord? Natürlich Mord. Soldaten sind Mörder.
(…)
Die Gendarmen aller Länder hätten und haben Deserteure niedergeschossen. Sie mordeten also, weil einer sich weigerte, weiterhin zu morden. Und sperrten den Kriegsschauplatz ab, denn Ordnung muß sein, Ruhe, Ordnung und die Zivilisation der christlichen Staaten.
Ignaz Wrobel

Aus Die Weltbühne. Jahrgang 27, Nummer 31, Seite 191–192.Erscheinungsdatum: 4. August 1931.

Der vollständige Text lässt sich dank des Internets wieder leicht finden (http://www.textlog.de/tucholsky-kriegsschauplatz.html). Noch vor einigen Jahre bedurfte es einiger Stunden Suche in verstaubten Bibliotheken, was niemanden davon abhielt, kontextfrei das Zitat zu verdammen oder als erhabene Wahrheit zu überhöhen.
Ich empfinde den Text zwar zum Glück nicht als aktuell, aber immer noch als relevant. Denn er ist eben ein Beispiel für die Maschinerie des Schlachtens, dem die einzelnen Individuen in LES POILUS gegenüberstehen. Wie kommt es zum Wechsel des freundlichen Kumpels im Schützengraben mit der Kaffeetasse oder Liebesbrief in der Hand zum Maschinengewehr-bedienenden Roboter? Gab es überhaupt eine Option, und wenn nicht der Soldat, wer war dann der Verantwortliche? Kaiser, General, die Masse, Niemand? (kpn)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Beginne damit, deinen Suchbegriff oben einzugeben und drücke Enter für die Suche. Drücke ESC, um abzubrechen.

Zurück nach oben