Fairplay 139 – Editorial

EDITORIAL

Liebe Gallier,

hat Julius Caesar am Ende doch gewonnen?! Unser schönes gallisches Dorf in Essen ist gefallen. Wie lange hat es schon standgehalten, ist selbstständig geblieben? Seit den 80ern bis jetzt ist es ständig gewachsen und immer mehr erblüht. Und wie groß waren wohl die Bemühungen der Römer, ein ähnlich lebendiges Dorf auf die Beine zu stellen? Nicht nur so eine geschäftig sterile Nürnberg Spielwarenmesse, bei der es gar nicht ums Spielen geht.
Und jetzt ist Essen der Nürnberger Spielwarenmesse in den Schoß gefallen, noch dazu auf der Höhe seiner Blüte. Gut, nach Corona hat sich vieles verändert und unsere Dorfchefin Dominque Metzler wird sich ihre Gedanken über das Fortbestehen gemacht haben. Die Spiel ist sicher auch eine große Bürde und verdammt viel Arbeit. Und wer die Macherin am Ende der Messe mal gesehen hat, weiß wie kräftezehrend die Messezeit sein kann.

Ich gestehe, ich war trotz allem wegen des Verkaufs fassungslos. War doch die Spiel seit Anbeginn nicht nur ein kuscheliger Ort für die Szene, sondern deren Geburtsort. Ausgerechnet die Nürnberger übernehmen zukünftig ganz das Ruder, kaufen die sehr erfolgreiche SPIEL einfach ein. Die Spielwarenmesse war doch ein GegenSPIELer von Essen und bislang so gar nicht szenekompatibel. Allerdings, d i e Szene gibt es längst nicht mehr. In Essen treffen sich alle möglichen Szenen, die Spiel ist d e r weltweite Kristallisationspunkt und nicht nur ein Treffen irgendwo. Die Spiel ist die globale Metropole konzentriert in einem temporären Dörfchen. Die ganze Welt kommt nach Essen, und nicht nur als Aussteller.

Und jetzt liegt die Verantwortung in den Händen der Nürnberger, einer Genossenschaft aus 150 Betrieben der Spielwarenindustrie. Aber eben auch noch in den Händen von Dominique Metzler. Wird der Übergang weich und soft, bleibt alles wie es ist?

Dieser bunte Hallenmix als Jahrmarkt der Spiele? Groß neben klein, stylisch neben zweckmäßig, Individualisten neben Großkapitalisten? Und vor allem: Bleibt die Spiel in Essen? Ich sag mal so: Wer will schon Veränderungen? In Essen ist alles eingespielt, aber in Nürnberg gibt’s auch große Hallen. Kann eine Genossenschaft überhaupt so etwas wie die familiäre Atmosphäre in Essen, das bunte Chaos, erhalten? Werden wir demnächst gestreamlined? Und wie werden die Genossen, die auch in Essen ausstellen, Einfluss auf die Hallenpläne nehmen? Oder vielleicht doch den Umzug nach Nürnberg vorantreiben?

Es sprechen sicher ein paar handfeste Gründe neben der langjährigen Tradition dafür, in Essen zu bleiben. Essen und das Ruhrgebiet haben einen großen Einzugsbereich weit über das Ruhrgebiet hinaus und nicht nur für die Szene. Schließlich kommt am Wochenende die Laufkundschaft, spielbegeistert und neugierig. Ich kenne viele, die kommen gerne und immer wieder nach Essen, obwohl sie nicht mal 1/100 so tief in der Szene stecken wie du und ich. Das Ruhrgebiet würde niemals nach Nürnberg fahren. Und ich auch nicht. Mein Stall fährt schließlich seit Jahren nicht mehr dorthin. Zu wenig zu spielen, zu viel Geschäftliches. Und ehrlich gesagt, auch zu viel „wichtiges“ Schaulaufen. Nicht unser Ding.

Es wird also spannend, wie es mit unserem kleinen Nabel der Spielewelt weitergehen wird. Hat Dominique Metzler noch den Daumen drauf oder wird der Einfluss der Nürnberger über die kommenden Jahre zunehmen? Und zu einer Art Gatekeeping führen? Alle Genossen in Halle 3 und der Rest nach Größe und Bezahlung gestaffelt in die Hallen mit aufsteigender Nummerierung. Dann wäre es aus mit der bunten Mischung und der Spiel. Genossen könnten das hinkriegen.

Ihr Harry

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