Fairplay 130 – Rezension: Die Crew: Reise zum 9. Planeten

Wird lange dauern

Wir reisen zum 9. Planeten. Aha?! Gut, dann starten wir halt zum Pluto. Tut ja nix zur Sache, ob wir thematisch im Weltraum unterwegs sind. Obwohl?! Ich hab‘ dann doch mal nachgeschaut, was es mit dem 9. Planeten auf sich hat. Könnte ja was dran sein, dass die Reise dorthin durchaus länger dauert … wenn der 9. Planet tatsächlich nur alle 10.000 Jahre oder noch seltener bei uns vorbeischaut. Deshalb liegen 50 Missionen vor uns, bestenfalls sind das 50 Partien. Aber ein Missionsziel immer gleich auf Anhieb zu erreichen, klappt wahrscheinlich nur am Anfang. Die ersten Missionen sind sowieso nur eine Einführung ins Stichspiel. Ja, wirklich wahr, DIE CREW ist ein Stichkartenspiel.

Steigen Sie jetzt aus? Noch wäre Zeit, ansonsten könnte es Ihnen wie mir ergehen. Ich komm‘ nicht mehr los. Kommen Sie mit? Wir stechen in den Raum, unendliche Spiele … und doch so bekannt. Wie üblich müssen Sie die angespielte Farbe bedienen, andernfalls müssen Sie abwerfen oder können mit einer der vier im Spiel vorhandenen Raketen stechen. Klar soweit?! Dann starten wir die ersten Trainingsmissionen …

Und ganz wichtig: Wir dürfen nicht über unsere Karten kommunizieren. Hey, keiner darf sagen, welche Karten man auf der Hand hat. Kommunikation ist trotzdem in engen Grenzen erlaubt, und nur über eine Kartenfarbe, die sich auf der Hand befindet. Wenn ich eine grüne Fünf auslege, kann ich drei Aussagen treffen. Auf der Karte platziere ich meinen Chip. Liegt der Chip in der Mitte: Ich habe genau nur diese Karte in grün – jetzt nicht mehr – auf der Hand sondern auf dem Tisch. Lege ich den Chip so auf die Karte, dass er zur Tischmitte liegt/zu mir liegt, dann ist das meine höchste/niedrigste Karte der Farbe. Auf Deutsch: Da ist mindestens noch eine höhere/niedriger Karte gleicher Farbe auf der Hand. Und manchmal ist keine Kommunikation auch eine Kommunikation.

Als ich DIE CREW das erste Mal gespielt habe, hatte ich gleich so ein Gefühl, wie bei der allerersten Partie CARCASSONNE.

Haben Sie jemals intensiver Stichspiele gespielt? In einer festen Runde? Diese Erfahrung, wer welche Karte in welcher Situation aus- oder nicht ausspielt, liefert auch schon eine Menge nonverbale Information. Können Sie bei DIE CREW gut gebrauchen, sich aber auch ganz langsam über die immer anspruchsvolleren Missionen erschließen. Es geht in der Regel immer darum, bestimmte Karten in bestimmter Reihenfolge in den eigenen Stich zu bekommen. Oder genau nicht. Hört sich banal an?! Ich sag mal: Es klingt banal, ist es aber je nach Karte und eigener Hand so gar nicht.

Wenn es richtig rund geht, wenn wir gemeinsam versuchen, das zu erreichen, dann kocht bei mir die Spielerseele. Was machen die anderen bloß?! Was wollen die jetzt von mir für eine Karte sehen!? Bei DIE CREW merkt eigentlich niemand so wirklich, dass wir zusammenspielen. Wir sind so sehr mit dem Spiel beschäftigt, da wird jeder Teil der CREW. Ist ein völlig abgefahrenes kooperatives Stichspiel. Und dann ertappe ich mich, wie mir der Flairtext zu den Missionen ein bisschen unter die Haut geht. Wie ich schon am Wortlaut ahne, was auf uns zukommt. Wo möglicherweise der Komet im All liegt. Diese Karte muss auf jeden Fall als letztes von drei Stichen gemacht werden? Ein Crewmitglied ist krank, und darf keinen einzigen Stich bekommen. Wer ist das? Wenn sich mehrere krank oder alle gesund melden, entscheidet der Kommandant, der hat den höchsten Trumpf – 4er Rakete – auf der Hand. Der Kommandant hat auch immer den ersten Zugriff auf eine der Auftragszielkarten. Und krank melden kann er sich sowieso nicht, denn mit der 4er-Rakete macht er immer einen Stich.

Ist doch nur ein Kartenspiel, mögen Sie denken. Trotzdem: Als ich DIE CREW das erste Mal gespielt habe, hatte ich gleich so ein Gefühl, wie bei der allerersten Partie CARCASSONNE. Boah, das ist genau mein Spiel, das wird dieses Jahr abgehen wie eine Rakete. Und was kostet mich DIE CREW Nerven. Es ist doch immer wieder spannend: Spielen die anderen passend an? Was sagt mir die ausgespielte Karte? Verstehe ich die Botschaft? Wir dürfen schließlich nur begrenzt kommunizieren, aber manchmal stöhnen wir, rollen mit den Augen, raufen uns die Haare … und sind doch immer ganz beseelt, wenn wir das Level schaffen. Puh, so gerade noch im letzten Stich. Bis Level 20 bin ich erst gekommen, aber immer noch vom Spiel gefangen. Puh, das war wieder haarscharf, aber wir waren nach jeder geschafften Mission glücklich. Und nach ein paar Missionen auch wortwörtlich geschafft. Demnächst gerne wieder, aber jetzt erst die Füße hochlegen… Wirklich nur ganz kurz!

Wolfgang Friebe

Thomas Sing: DIE CREW: REIST GEMEINSAM ZUM 9. PLANETEN für 2 bis 5 Spieler mit Illustration von Marco Armbruster bei KOSMOS 2019, Spieldauer pro Level 5 – 20 Minuten

Dieser Text erschien in der 130. Ausgabe des Fairplay Magazins. Unterstützen Sie unsere Arbeit und abonnieren Sie das gedruckte Magazin für nur 24 Euro im Jahr.

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