Editorial 131

Liebe Leserinnen und Leser,

Und?! Alle Spiele schon gespielt? Die Neuheiten aus Essen und die aus Nürnberg. Gut, im Vergleich zu den Essener Neuheiten fallen die aus Nürnberg kaum mehr ins Gewicht. Aber welche Spiele liegen auf Ihrem Stapel der ungespielten Spiele oder wie es auf Denglisch so schön heißt: Auf dem pile of shame, dem bösen Stapel der Schande. Darauf landen eine Menge Spiele, wenn Sie nur Ihre Fühler weit genug ausfahren. Ihre Social-Media-Ohren nur ein bisschen aufspannen. Eine empfiehlt dieses, ein anderer ein anderes, wir jenes Spiel. Es sind gar viele Verlockungen, denen Sie erliegen können.

Und es ist ja auch so einfach. Einfach alles ist ganz einfach beschaffbar. Da gibt es fast keine Hürden mehr, kein langes Suchen im Netz oder Stöbern in Geschäften. Alles ist erhältlich, sofort und kommt zum besten Preis direkt nach Hause, sogar oft portofrei. Was haben Sie schon alles Aktuelles gekauft? Ich hoffe doch stark, dass wir Ihnen dabei gut geholfen haben, Sie nicht von unseren Empfehlungen enttäuscht sind. Mit unserer Scout Aktion in Essen, die vielleicht schon dieses Jahr nicht mehr Scout Aktion heißt oder ganz anders aufgezogen wird. Ich war bislang immer mit den Ergebnissen unserer kleinen feinen Essen-Aktion zufrieden. Jedes Spiel auf unserem Scout-Regal ist eine recht verlässliche Kaufempfehlung.

Und es ist wirklich alles verfügbar, wenn man denn bereit ist, sofort den aufgerufenen Preis zu bezahlen. Oder Sie werden ruck zuck auf dem Sekundärmarkt fündig. Ist ja schon erstaunlich, wie schnell Spiele dort landen. Und wenn es ein Gassenhauer aus Essen ist, dann kostet es eben ein paar Schleifen mehr. Die Jäger des schnellen Euro wissen auch um solche Schätze. Wer es haben will, bekommt es auch. Jetzt. Sofort.

Könnten Sie nicht noch ein bisschen warten? Dauert doch meistens nur eine Saison, bis die Spiele sowohl im virtuellen als auch im örtlichen Ramsch auftauchen. Selbst in Essen verfolgen Sie doch Spiele über Jahre und Jahre bei denselben Essen-Ramsch-Ständen. Wir nehmen das hin. Aber ist das nicht wirklich ein echtes Überangebot? Gut, es gibt ein paar Ausnahmen, Spiele die durch die Decke gehen und tatsächlich eine gewisse Zeit ausverkauft sind. Verlage, die schwer Kraft daran investieren, dass die Spiele nur im eigenen Webshop zum diktierten Preis erhältlich sind. Aber seien wir ehrlich, andere Mütter haben auch schöne Töchter. Alles Binsenweisheiten, die sich sowieso nie ändern. Ich denke oft: Die Verfügbarkeit von allem macht alles wertlos.

Irgendwie hat das was von Spotify, meine Musik ist jederzeit ohne Aufwand verfügbar. Gibt’s demnächst auch eine Flatrate für Spiele? So wie in Bibliotheken, nur mit mehr Auswahl und schnellem Service? Ohne den Arsch bewegen zu müssen? Spiel schicken lassen, spielen, neues Spiel kommen lassen, das ausgespielte Spiel in die Box des neuen Spiels geben und dem Paketboten wieder mitgeben. Amigo hatte mal so große gelbe Versandboxen, die dafür wunderbar geeignet wären. Nee, das wollen Sie nicht und ich auch nicht. Ich bin immer noch ein Schachtelstreichler, stehe gerne vor meinen Spieleregalen und schwelge in Erinnerungen, wann ich dieses Spiel mit jenen Mitspielenr auf dem Tisch hatte, fühle die Emotionen und bin … kurz … glücklich. In meinem Stallregal gibt’s aber auch jede Menge Spiele, die ich nie gespielt habe. Mein pile of shame ist so groß wie anderer Leute Sammlung. Und die könnte durchaus umfangreich sein.

Was müssen Spiele erreichen, die im Überangebot bestehen wollen? Sie müssen Aufmerksamkeit erregen, im Gespräch bleiben. In der ersten Welle der Begeisterung muss alles verkauft sein, denn schneller als Verlagen lieb sein kann, sind schon die nächsten Hype-Spiele am Start. So schnell könnten wir gar keine neue Fairplay drucken. Bis zu vier lange Monate liegen zwischen den Heften, Zeit einen Gang zurückzuschalten, sich Zeit für die Perlen zu lassen, sorgfältig auszuwählen. Nicht jedem Hype hinterher laufen. Na gut, manchmal sind auch wir echt begeistert, auch von Hype-Spielen. Ich hoffe aber, dass Sie unserem Urteil dann auch vertrauen.

Und was ich Jahre nicht getan habe, mache ich jetzt wieder. Ich habe tatsächlich echte Spielefachgeschäfte oder Spielwarenläden mit gutem Angebot an Brett- und Kartenspielen besucht. Und es hat mir gefallen. Die Spiele dort in die Hufe zu nehmen, an den Regalen mit den Spielen zu schnuppern, um dann was? Spontan ein Spiel zu kaufen, einfach weil ich es kann und es mir tatsächlich gefällt, dort mit anderen netten Menschen ein wenig über unser Hobby zu philosophieren. Für noch so subtile Empfehlungen bin ich dann ganz Ohr.

Ihr Harry

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